Biografisches: Das auch noch


Nachdem ein Zeitungsredakteur einer ländlichen Postille so frei war, die "echte Künstlerbiographie" als echt abzudrucken, muss der letzten Geschichte noch eine viel Wahrere folgen.


Ich und der Tiger von Eschnapur


rolf-segelschiff

Ich bin ja als Kind viel zur See gefahren. Das nautische Element liegt in der Familie. Mein Bruder fabriziert z.B. Buddelschiffe - allerdings nur U-Boote. Mein Onkel mütterlicherseits, Onkel Wilhelm aus Harburg, wo später die schwere Sturmflut war, 62, da ist der fast abgesoffen, als Kapitän, lachhaft. Also, der hat mich mal mitgenommen. Da war ich vielleicht fünf.

Wir gondelten im Indischen Ozean. Den ganzen Kahn voller Filmleute. Die hatten die Außenaufnahmen für den Tiger von Eschnapur in Indien gedreht. Und für die Innenaufnahmen gings wieder zurück nach Deutschland. Der Regisseur, das war ein gewisser Fritz Lang glaube ich, ließ den Tiger überall mit hinnehmen.

Und, wir waren gerade den zweiten Tag auf See, da kam dieser fürchterliche Nebel auf, den es nur im Indischen Ozean gibt. Der ist so dicht wie Milch. Du siehst nix und du hörst nix und selbst Radarstrahlen kommen da nicht mehr durch. Es ist, als wenn du auf einen Schlag taub und blind geworden bist. Du kannst direkt neben jemand stehen und ihn anbrüllen, der hört nix mehr. Alle hatten so ein ungutes Gefühl und der Käptn, mein Onkel, auch.

Und dann plötzlich war's finster wie die Nacht in der Hölle. Wir waren mitten im Zentrum eines Zyklons. Das ist dort, wo die Springflut entsteht. Und ein einziger großer Brecher donnerte über uns weg. Die halbe Besatzung ging über Bord. Und was das schlimmste war - der Tigerkäfig war umgekippt und das Raubtier war raus und weg. Und das war natürlich ziemlich gefährlich, denn man konnte ja nichts sehen und nichts hören. Einen Kameramann und zwei Statisten hat er gefressen. Das war Onkel Wilhelm dann aber ja doch zuviel. Er hat sich also eines von den Netzen geschnappt, die man zum Haifischfangen nimmt und ist los. Und zwar immer der Nase nach. Im wahrsten Sinne des Wortes. Tiger verbreiten nämlich einen ganz eigenen Geruch. Und wer den riechen kann, der hat's leicht im Leben.

Tja, so hat er den Tiger dann gefunden. Der Rest war ein Kinderspiel. Wenn er damals nicht dagewesen wäre, dann wär der Film vielleicht nie zustande gekommen. Schade ist nur, daß man mich, wo das alles passiert ist, nicht geweckt hat. Aber Onkel Wilhelm hat mir alles am nächsten Morgen haarklein erzählt.