Das Astoria: 1908 bis 1967


Über 50 Jahre sorgte das Varieté Astoria in Bremen dafür, dass Unterhaltung in der Hansestadt in aller Welt einen Namen hatte. Bis zu drei ausverkaufte Vorstellungen täglich boten internationales Spitzenvarieté, jene unbeschreibliche Melange aus Artistik, Komik, Tanz, Gesang und Unterhaltung.

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Als am 5. September 1908 im ehemaligen Cafe Tobek auf der Rückseite eines alten Klostergebäudes in der Catharinenstraße das Astoria eröffnete, rümpften die steifen Hanseaten vornehm die Nase und witterten Unmoral und das Verderben der Jugend.

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Stück für Stück gewöhnten sich die Bremer an das neue Etablissement. Und als eines Tages sogar ein hoher Beamter der Stadt im Astoria auftauchte, um sich davon zu überzeugen, ob dort wohl alles seine Richtigkeit hätte, musste er zu seiner Überraschung feststellen, dass Kapitäne, Offiziere und Kaufleute dort verkehrten. Der Bann war gebrochen. Auch Frauen, damals sagte man noch Damen, kamen, und die Bremer staunten über den für damalige Verhältnisse ungewohnten Luxus: "Hast du gehört, im Astoria liegen überall Teppiche!" Für Diskretion suchende Gäste war übrigens ein Hintereingang vorhanden.

Nach und nach wurde das ehemalige kleine Packhaus zu klein und musste vergrößert werden. Im Jahre 1928 schuf der Bremer Architekt Ostwald ein Labyrinth von Räumen und Sälen: den großen Theatersaal mit seinen Logen, Spiegelsaal, Goldsaal, Arizona-Keller, Jagdzimmer, Klosterkeller, Gesellschafts-Saal usw. Über 200 Beschäftigte zählte der Betrieb damals - die wechselnden Künstler, die jeweils nur für ein Programm dabei waren, nicht mitgezählt.

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Emil Fritz, geboren 1879 im badischen Bühl, war ein Direktor wie er im Buche steht. In ihm vereinigten sich Beharrlichkeit, Mut, Großzügigkeit, Charme, Witz und Phantasie. Von Anfang an wollte er in Bremen kein billiges Tingeltangel, sondern eine Stätte der gepflegten Unterhaltung mit Niveau. Durch die Vielzahl der Möglichkeiten sich im Hause Astoria zu vergnügen, schuf Emil Fritz schon in den 20er Jahren das, was erst viel später "Erlebnisgastronomie" heißen sollte.

Zu den illustren Gästen auf und vor der Bühne zählten von Anfang an die Stars der Zwanziger Jahre: Otto Reutter, Paul Lincke, Bernhard Ettè, Juan Llossas, Emil Jannings, Heinrich George, Otto Gebühr, Claire Waldoff, Claire Schlichting, Fritz Grünbaum, Hans Albers und viele andere. Die Programme und Plakate des Astoria waren in den Touristenbüros auf der ganzen Welt zu finden. Tanzkapellen mit Weltruhm spielten im Astoria oder nebenan im dazugekauften Café Atlantic, einem der größten Tanz-Kaffeehäusern in Bremen.

Mit dem Einbruch des Dritten Reichs veränderte sich das Programm des Astoria. Viele gute Künstler waren ins Ausland geflohen und emigriert, andere hätten, so ließen die Nazis Direktor Emil Fritz wissen, im Astoria nicht mehr aufzutreten. Mit Ausbruch des Krieges vermehrten sich im sonst so eleganten Erscheinungsbild die Uniformen, das Programm wurde fader und musste wegen Luftalarms häufig unterbrochen werden.

In der Nacht des 6. Oktober 1944 ging auf die Bremer Innenstadt ein Bombenteppich nieder. Viele historische Gebäude verbrannten. In dieser Nacht wurde auch das Astoria und das Atlantik-Café total zerstört.

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Als die Bremer Tageszeitungen 1949 die Frage stellen "Wer tritt das Erbe des Astoria an?", war sie auch schon beantwortet: Emil Fritz. In unglaublich kurzer Bauzeit entstand ein paar Meter von der Ruine des alten Hauses entfernt, im Katharinenklosterhof, ein Neubau. Im Februar 1950 wurde der Bauzaun gezogen, am 1. Juli war Richtfest und schon am 6. Oktober eröffnete das Astoria wieder seine ständigen Programmbetrieb.

Der internationale Ruf des Astoria und die entbehrungsreiche Zeit ließen das Haus sofort wieder erblühen. Artisten, Komiker, Tänzer aus aller Welt kamen ebenso, wie Stars von Film und Bühne: Zarah Leander, Marikka Rökk, Trude Herr, Vico Torriani, Hans Albers und viele mehr gastierten, applaudierten oder amüsierten sich.

Im Juli 1954 starb Emil Fritz, der vitale Motor des Astoria. Zwei Jahre nach seinem 75. Geburtstag endete das Leben jenes Mannes, der für sein Varieté alles gegeben hatte, und von dem manche sagen, er habe für Drei gelebt.

Seine dritte Ehefrau, Elisabeth, übernahm mit dem damals 22-jährigen Sohn Wolfgang die Geschäfte. Aber der Siegeszug des Fernsehens war nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Ende der fünfziger Jahre war ein solcher gesellschaftlicher Wohlstand erreicht, dass immer mehr Familien sich in ihren Eigenheimen vor die Bildröhre setzten. Der Nachholbedarf an Amüsement war gedeckt und der Rückzug ins Private, die Vereinzelung begann. Hinzu kam, dass das Fernsehen den engagierten Bühnenkünstlern an einem Abend das zahlen konnte, was ein Varietébetrieb in einem Monat ausgeben konnte. Die Varietés starben aus.

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Bis zum Silvesterabend 1967 konnte das Astoria, das wieder mit vielen Nebenräumen, wie der Arizona-Bar, dem Klosterkeller oder einer Bodega-Bar ausgestattet worden war, noch durchhalten. Dann musste man schweren Herzens den Vorhang zum letzten Mal fallen lassen und die Pforten für immer schließen.

Das leere Gebäude wurde 1994 abgerissen und von der "Bremer Bank" an selber Stelle ein modernes Bankgebäude mit Einkaufspassage errichtet.